Für meinen Vogelkalender brauchte ich ein besseres Bild vom Schwarzspecht. Dazu hatte ich bereits vor einiger Zeit oberhalb des Titisees eine vielversprechende Gruppe von Buchen in einem Fichtenwald ausgespäht, die einige der hochovalen Spechthöhlen in rund 12 Meter Höhe aufwiesen. Einige Male hatte ich bereits hier nicht nur den Schwarzen rufen hören, sondern auch in unmittelbarer Umgebung gesichtet. Um zu optimalen und aussagekräftigen Fotos zu gelangen, plante ich ein Versteck auf Augenhöhe mit den Löchern in rund 30 Meter Entfernung im gegenüberliegenden Steilhang. Kein Problem für ein langes Tele-Objektiv auf dem Stativ. Am frühen Nachmittag durchflutete zudem die Sonne den Forst und leuchtete das Szenario einigermaßen gut aus.
August, sonniges Wetter und gutes Licht im Fichtenforst. Langsam und leise pirschte ich mich mit der schweren Fotoausrüstung zu meinem Ansitz. Schon vorher montierte ich bereits das Stativ mit Teleoptik und Kamera, um vor Ort so wenig wie möglich Unruhe zu stiften. Alte Erfahrungswerte: in der Regel sorgt man erst mal für eine Störung, doch verharrt man danach still 30 Minuten und länger, so gewöhnt sich die Natur an den Fremdling unter der Tarndecke und geht seinen gewohnten Gang.
Wem gehört dieser buschige Schwanz?
Doch dann ging alles schneller als gedacht. Kaum hatte ich die Kamera in Position und musterte die rund 10 sichtbaren Spechtlöcher an den Buchenstämmen, als ich aus einer Höhle einen buschigen Schwanz heraushängen sah. Nanu? Ein Eichhörnchen? Schnell war das Fernglas zur Hand, doch so ganz schlau wurde ich noch nicht, wer oder was da in einem der Löcher steckte. Zumindest konnte das Viech mich so nicht sehen. Schnell die Belichtungswerte überprüft, 1/500stel Sekunde, Blende 5,6, Brennweite 840mm bei ISO 3200, nicht optimal, aber mehr war hier mitten im Wald nicht drin.
Überraschung, ein Baummarder schaut aus dem Spechtloch!
Nun hieß es abwarten. Das pelzige Wesen war im Spechtloch mit irgendetwas beschäftigt. Gespannt beobachtete ich das Treiben durch den Sucher, den Auslöser bereits zur Hälfte gedrückt. Es dauerte noch eine Weile bis sich der Höhlenbesucher endlich umdrehte und seine Identität preisgab. Ein Baummarder! Den hatte ich hier noch nicht! Nicht schlecht – ein Marder statt Specht! Schnelle einige Portraitfotos. So, das war schon mal festgehalten, doch was trieb der kleine Kerl dort oben in luftiger Höhe? War das dort oben seine Behausung? Er schien mich nicht bemerkt zu haben und tauchte wieder in die Höhle ein. Tiefer und tiefer, der Schwanz war verschwunden und plötzlich tauchte sein Köpfchen seitlich am Stamm aus einem weiteren Loch auf.
Irgendwas muss dem kleinen Kerl geschmeckt haben?
In der Buche gab es offenbar ein zusammenhängendes Höhlensystem. Doch was mir zu denken begab – der kleine Räuber leckte sich ausgiebig die Zunge. Was war geschehen? Hatte der Marder gerade etwas gefressen? Ein Nest geplündert? Jemanden ermordet? Einige Male huschte der Baummarder noch durch das Labyrinth. Zeigte sich mal hier mal da aus diesem oder jenem Loch, was die Gelegenheit bot noch mehr Fotos zu schießen. Schließlich beschloss mein Hauptdarsteller kopfüber mit breit gespreizten Beinen bedächtig den glatten Buchenstamm hinunterzuklettern. Genug Zeit für weitere Fotos.
Doch ein Mord? Im unteren Loch ist ein Flügel!
Bedächtig verlässt der Mörder-Marder den Tatort.
Ich war begeistert über die Fülle der aussagekräftigen und tollen Bilder. 40 kurzweilige Minuten hatte ich Gelegenheit diesen scheuen Waldbewohner zu beobachten. Das war mehr als ein Ersatz für den erhofften Schwarzspecht - einfach ein tolles und unerwartetes Naturerlebnis. Hochzufrieden konnte ich es nicht erwarten die Fotos noch vor Ort zu überprüfen. Mit den Motiven und der Schärfe konnte ich recht zufrieden sein. Bei einem Foto aber stutzte ich und erkannte dann doch den Grund der Anwesenheit des Baummarders. In der Höhle war nach Aufhellung eindeutig ein Flügel zu erkennen. Dann war ich wohl doch stiller Zeuge eines Mordes geworden? Aber kein Schuldspruch, denn so ist die Natur. Ich sage mir dann immer: der Baummarder hat wohl auch Kinder zu versorgen.
Herbert Steffny